Ehrabschneidung. 100 Jahre Tracht und Bibel.
Vor 100 Jahren trugen ehrbare Mädchen und Frauen auf dem Land die Haare zu Zöpfen geflochten und zu einem Schnatz aufgesteckt. Über diesen Schnatz gehörte bei der Marburger Tracht noch ein zierliches, mit Perlen besticktes Berzel (= Häubchen).
Unter bibeltreuen Christen, sagte sie, gelte die Länge des Haupthaares ganz ohne Brauchtum einmal mehr als geschlechtsspezifischer Standanzeiger moralischer Werte und des Gottvertrauens.
Bei ihrer Geburt, so hieß es, habe sie bereits so viele Haare auf dem Kopf gehabt, dass diese unter dem Babymützchen hervorgelugt seien und zu einem winzigen Zöpfchen haben gebunden werden können. Ganz im Gegensatz zum Bruder, der die ersten Jahre als Glatzkopf durchs Leben gegangen sei.
Ein gewöhnliches Detail, das nebenbei zum gottgefälligen Zeugnis für 1. Korinther 11 herhalten mag, jene Bibelverse, die lange Haare bei einem Mann als Schande verurteilen, bei einer Frau jedoch als Ehre betrachten.
Auf dem Lachfoto trug auch die Mutter einen für die 1960er Jahre typischen Haarknoten. Erst in den 1970er Jahren, als junge Männer sich die Haare lang wachsen ließen und eine „Schande“ in den Augen der Fundamentalisten waren, weil ihr Haupthaar von dem der Frauen nicht zu unterscheiden war, ließ sich die Mutter die Haare ein paar Zentimeter kürzer schneiden. Ein Kurzhaarschnitt war das nicht, aber kurz genug, um auf eine Steckfrisur zu verzichten.
Für sie selbst sei es ein Kampf gegen traditionelle Rollenbilder und eine fundamentalistische Bibelauslegung gewesen. Lange sei der Vater dagegen gewesen (und die Mutter im Übrigen auch), bis sie sich endlich im Salon des ortsansässigen Friseurs die Haare habe kurz schneiden lassen dürfen. Abgeschnitten, was ihr selbst und dem Herrn zur Ehre hätte dienen sollen.
Im Friseursalon bediente Frau Breitschädel [sic!] die Damen und ihr Mann die Herren. Trat man durch die Eingangstür, führte rechts eine Tür in den Herren- und links die Tür in den Damensalon. Hier gab es drei schulterhoch abgetrennte Friseurstühle für die Kundinnen, die sich über die Trennwände hinweg gerade noch sehen und unterhalten konnten.
Manchmal kam Herr Breitschädel, der offenbar weniger zu tun hatte, durch einen Plastikstreifenvorhang in das Reich seiner Frau. Dann war ein kurzes Raunen zu hören, als befänden sich die Damen in einer delikaten Situation, was Herr Breitschädel mit einer charmanten Bemerkung zu quittieren verstand.
Mit den abgeschnittenen Haaren sei ein peinigendes Ritual entfallen: Die langen Haare seien am Samstag nach dem Waschen stramm auf Lockenwickler eingedreht worden, mit Nadeln gespickt, bis die Kopfhaut geziept habe und eine halbe Ewigkeit unter der Trockenhaube aufgeheizt worden. Und damit das Werk zum Gottesdienst am Sonntag seine ganze Pracht habe entfalten können, musste es in der Nacht mit einem auch um den Hals verschlungenen Kopftuch geschützt werden.
Wenigstens haben sie bei den Baptisten im Gottesdienst kein Kopftuch tragen müssen, munkelte sie, so wie es für die Frauen in der vom Großvater gegründeten Brüdergemeinde zur Ehre Gottes noch immer üblich sei. Nein, sagte sie, durch ihre Brille gesehen, seien Kopftücher ein klares Symbol patriarchaler Unterdrückung und eine zwanghafte, unerträgliche Einschränkung sowohl des Körpergefühls als auch der persönlichen Freiheit.
Die vermeintliche Ehrabschneidung ist nun bald 50 Jahre her und erfolgte nur rund 50 Jahre nach der Aufnahme der Oberrospher Bauernmädels in ihrer Marburger Tracht, auf dem zwei ihrer Tanten väterlicherseits und deren Cousine und sogar die Mutter einer zukünftigen Schwägerin zu sehen sind.
