Kann die Installation eines Rootkits auf dem firmeneigenen Arbeitsrechner ein subversiver Akt sein?
In Nora Bossongs Text „Die Schönheit verlorener Schildkröten“, der 2020 auf der Shortlist des Wortmeldungen Literaturpreises für kritische Kurztexte stand, wird sie das.
Und zwar genau dann, wenn die Protagonistin sich dank Rootkit in einem Internetcafé auf ihren gestohlenen Rechner einloggt und das Passwort in die Zahlenkombination „1234“ ändert. Es geschieht das Absehbare: Das Passwort wird geknackt und in der Firma springen die IT-Sicherheitssysteme an.
Doch das ist nur der äußere Rahmen, in den Nora Bossong ihre Protagonistin spannt. Skizzenhaft entwirft sie den Zustand einer Millionenmetropole, in der die prekäre Wohnungslage das Bild dominiert. Die Obdachlosigkeit von Menschen wird im Stadtbild gleichgültig hingenommen, während gleichzeitig die metaphorische „Obdachlosigkeit“ der Kirchenbänke von Notre-Dame nach dem verheerenden Brand von 2019 durch großzügige Spenden erfolgreich verhindert worden ist.
„Man hat hier kein Mitleid, man hat, wenn man Glück hat, Wohneigentum, und das ist mehr wert als jedes Gefühl.“
„Ich möchte Träume erfinden lassen,“ sinniert die Protagonistin und sieht sich einer KI gegenüber, die stumpf verwertet, was ihr an Daten gegeben wird: der Output ist erwartbar gleichförmig und wenig innovativ. Echte Kunst oder Träume lassen sich so nicht erzeugen. Die Maschine ist nicht einmal so gut wie das Ausgangsmaterial, weil kein Anwender die Filter richtig bedienen kann. Der Maschine fehlt, was das Menschsein ausmacht.1.) Und das ist der Hook: Irgendein „Sans-papiers“ aus der Peripherie wird sich in den Rechner einloggen können und das System mit der eigenen Geschichte bereichern – so jedenfalls die Hoffnung.
In diesem Kosmos sozialer Ungleichheit transformiert die Schildkröte vom Symbol des dekadent Widerständigen zu einem des klugen Spiels. Im Paris des 19. Jahrhunderts widersetzten sich extravagante Bourgeois einem vermeintlichen Geschwindigkeitswahn, indem sie im Bois de Boulogne eine Schildkröte an der Leine spazieren führten. Einer dieser Schildkröten soll trotz ihrer Langsamkeit im Vergnügungsviertel einstmals die Flucht gelungen sein. Und 80 Jahre später taucht sie – so Bossongs Gedankenstreich – in der Programmiersprache Logo wieder auf und zieht einen farbigen Faden hinter sich her. Als virtuelle Schildkröte kann sie durch Tastatur-Eingaben veränderliche fraktale Kurven generieren. Damals war Turtle-Grafik eine echte Revolution und die Veränderung des Programmiercodes zur Laufzeit ein Meilenstein auf dem Weg zu Künstlicher Intelligenz.
Während die Protagonistin die Hoffnung bis zum Schluss nicht aufgibt und von Liberté, Égalité und Fraternité träumt, sieht sie in der Dämmerung eine gewaltige Schildkröte hoch über den Dachfirsten eine Drachenkurve fliegen. Die widerständige kreative Intuition vereint in der Schönheit rekursiver fraktaler Kurven.
„Man muss lernen, mit den Algorithmen zu tanzen, nur dann geht es. Wenn wir versuchen, gegen sie zu kämpfen, stärker zu sein als sie, geraten wir aus dem Takt, nicht sie.“
Und – so ließe sich schlussfolgern – man muss sich eine subversive Intuition bewahren, die eigene Glaskugel gelegentlich genau in den Kipppunkt rücken, an dem die Bewegung neu gerendert wird.
Link zum Text:
https://www.wortmeldungen.org/texte/nora-bossong-die-schonheit-verlorener-schildkroten
1.) Wenn der Prompt Transparenz bei der Bildgenerierung einfordert und die KI ein Bild liefert, das mit quadratisch gezeichnetem Hintergrund Transparenz lediglich vortäuscht, stellt ein scheinbar subversiver Unernst die Frage nach der Unterscheidung von Mensch und Maschine neu.
