Die Wahrheit über Weihnachten

Morgen, Kinder, wird’s was geben

Niemals, behauptete sie, als sie längst ausgezogen und irgendwann auch den Kontakt abgebrochen hatte, niemals habe sie die Mutter lachen gesehen.

Zwar habe sie durchaus die feinen Abstufungen in ihrer Stimmung auch ohne Worte zu unterscheiden gelernt und wisse sehr wohl, dass es Tage gegeben habe, an denen sie, also die Mutter, im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut gelaunt war – aber Lachen, nein, lachen gesehen habe sie die Mutter niemals.

Falsch! warf der Bruder ein, stets um Ausgleich bemüht, und verwies nicht etwa auf Erfahrungen aus seinem eigenen Leben, die er als Erstgeborener hätte machen können und ihrer Ansicht nach tatsächlich auch gemacht hat. Der Bruder rief die Schwarz-Weiß-Fotografie in Erinnerung, die im Familiengedächtnis als das Lachfoto bekannt ist. Darauf ist die Mutter zu sehen, wie sie mit dem Vater vor einem dürren Weihnachtsbaum steht. Rechts daneben steht ihr eigener Bruder und vor den Dreien sitzen Tante Alma, die Schwester ihres Vaters, und deren Mann, beide wohl auf Verwandtenbesuch im Westen. Auffällig an diesem Bild ist nicht nur, dass die Mutter neben ihrem Bruder zu sehen ist, sondern auch, wie sie sich bemüht, ein Losprusten in die Kamera zu vermeiden.

Ja, gab sie zu, aber das sei Jahre vor ihrer aller Geburt gewesen.

Ihrer Erinnerung nach sei spätestens mit dem Weihnachtsfest 1972 Schluss mit lustig gewesen. Wahrscheinlich sei es sogar Weihnachten 1971 gewesen, aber das sei nach so langer Zeit nun wirklich egal. Das Fest der Liebe jedenfalls habe sich ein für alle Mal ins Gegenteil verkehrt, als vom Esstisch ein böser Streit zu ihnen herüber gedrungen sei, der Großvater zur persona non grata erklärt worden sei (Tanta Ha sowieso) und in den folgenden Jahren mit Einschalten des elektrischen Lichtes alle Rollläden heruntergelassen worden seien, damit kein Lichtstrahl nach Außen habe dringen und anzeigen hätte können, dass jemand zu Hause sei.

Der Großvater, der nicht mehr gehört werden konnte, weil die Klingel abgestellt war, hinterließ an der Haustür eine Geschenketüte, als Zeichen, dass er dagewesen sei. Manchmal, wenn ihm aufgrund nachlässiger Abschottungsmaßnahmen eine persönliche Übergabe glückte, gab er trotzdem gutgelaunt vor, leider noch woanders eingeladen zu sein. Die Geschwister waren enttäuscht, ein Weihnachtsfest ohne Opa Willy war kein richtiges Weihnachtsfest mehr. Gleichzeitig waren sie froh darüber, denn seine Anwesenheit hätte bloß dazu geführt, dass die Mutter sich im Schlafzimmer verbarrikadiert hätte. Und das wollten sie auch nicht.

Die für einen Haushalt bibeltreuer Christen recht verlogene Inszenierung sei nur der Anfang einer traurigen Geschichte gewesen, in der das Weihnachtsfest zu einem rücksichtslosen Manipulationsmanöver um Macht und Durchsetzungsvermögen eskalierte. Geschenke wurden instrumentalisiert, verweigert oder im schwelenden Ehedesaster direkt als gemeiner Dolchstoß deklariert. Sobald die Mutter schwieg, hieß es hinhören. Sie konnte zufrieden schweigen, aber auch beleidigt und vorwurfsvoll. Meistens war ihr Schweigen voller ambivalenter Vorwürfe. Zuweilen schloss sie sich im Schlafzimmer ein und reagierte überhaupt nicht mehr. Und das war immer noch besser als ins Auto zu steigen mit den Worten: „Ich komme nie mehr wieder. Ich fahr‘ gegen einen Baum!“

Wie oft habe sie sich gewünscht, sagte sie, dass die Mutter wirklich nicht mehr wiederkomme.

Wenn der Bruder diese scheinheile Welt an Weihnachten provozierend in Frage zu stellen gewagt habe, sei die Angelegenheit stets in einen sinnlosen Streit gemündet. Am Ende seien die Geschwister – nach einem überstandenen Heiligabend mehr oder weniger therapiebedürftig – noch auf ein Bier zurück in die Stadt gefahren und haben sich gegenseitig nacherzählt, was geschehen und was gerade nicht geschehen sei.

„Die spinnt!“ habe es unisono geheißen. Begriffe wie „dysfunktionale Familienstrukturen“ oder „emotionaler Missbrauch“ haben ihnen damals nicht zur Verfügung gestanden. Auch von ernsthaften psychischen Problemen der Mutter sei nie die Rede gewesen. Eher habe Einigkeit darüber bestanden, dass normal sei, was alltäglich erlebt werde, und es auch auf dieser Ebene zu bewältigen sei. Weihnachten, sagte sie, sei die alljährliche Überdosis in der Giftküche ohne toxikologischen Notruf gewesen.