Ins Mekka der surrenden Asphalt-Puristen oder Notstandsmaßnahme im Rahmen der produktiven Erwerbslosenfürsorge
Wenn am Horizont auf einem Vulkan-Basaltkegel die Ruine der Nürburg erscheint, deutet noch lange nichts auf eine der berühmtesten Rennstrecken der Welt hin, der Nürburgring, der hier gut versteckt inmitten der bewaldeten Bergrücken der Hocheifel liegt. Zwei unscheinbare Unterführungen später donnern Fahrzeuge vermeintlich in Schallgeschwindigkeit über den Kopf und unversehens ist man mittendrin im Ring. Von nun an gibt der Motorenlärm den Takt vor. Zwischen Werkstätten und Autoreifen, Gaststätten und Pensionen wird das Aufbrausen der Motoren zum Grundrauschen ortsansässigen Seins. Es ist laut hier – und nur an diesem einen Juliwochenende, wenn Rad am Ring eröffnet wird, dann ist es mal still, sagt die Gastgeberin. Dabei ist es ja noch gar nicht still, da selbst am frühen Freitagnachmittag die Nordschleife noch für motorisierte Fahrzeuge freigegeben ist.
Später nehme ich die leicht ansteigende Hauptstraße Richtung Teilnehmercenter und als rechterhand der Ring-Boulevard abzweigt, wo sich Historisches Fahrerlager, Dorint Hotel, Infocenter und Hotel Lindner aneinandereihen, denke ich: schon krass, der Lärm, die massiven Bauten nur wenige hundert Meter vom Dorf entfernt und das Zelebrieren des Motorsports in einer so schwach besiedelten Gegend.
Dabei ist es gerade dieser Umstand gewesen – neben den geographischen Eigenheiten der Vulkaneifel, wie extreme Steigungen und Gefälle – aufgrund dessen der Landstrich zwischen Adenau und Mayen einstmals für den Bau einer Rennstrecke ausgewählt worden ist. Was als „Notstandsmaßnahme im Rahmen der produktiven Erwerbslosenfürsorge“ 1927 feierlich eröffnet wurde, ist heute eine wichtige Geldquelle für die Region. Noch immer ist die Gegend so strukturschwach, dass der nächstgelegene Bahnhof sich rund 25 km entfernt in Mayen befindet. Wer wie ich ohne Auto anreist (ist da jemand?), hat auf die 25 km noch satte 600 Höhenmeter mit Gepäck zu überwinden und gewissermaßen schon die erste Runde Ring im Tacho und in den Beinen.


Alles krass hier
Alles am Nürburgring ist krass: Die rund 20 km lange Nordschleife, die sich in 73 Kurven wie ein kyphoskoliotisches Rückgrat durch die Eifel krümmt und die rasanten Abfahrten, die sich zu hochprozentigen Steigungen aufstemmen. Wie die Rennreifen der GT-Boliden ihren Ruß dem Asphalt inskribiert haben und die sichtbaren Spuren in den Kurven als imaginiertes Aufheulen der Motoren in den Ohren dröhnen.
Streckennamen wie weiße Fähnchen auf der Tatortliste: Schwedenkreuz, Ex-Mühle, Kesselchen, Caracciola-Karussell oder Galgenkopf. Aber die Grand-Prix-Fahrer starben an so schön benannten Orten wie „Pflanzgarten“, wo Peter Collins verbrannte, oder „Hatzenbach“, wo sich Gerhard Mitter und John Taylor zu Tode stürzten. An der „Antoniusbuche“ verunglückten Ernst von Delius und Hans Laine und Niki Lauda nebenbei bemerkt im „Bergwerk“.
Und dennoch: Wo Speadfreaks und Rampensäue sich mit 100 km/h kamikazegleich in die Abfahrt stürzen, wo Zentripetalkraftbalancierer im maximalen Neigungswinkel die Innenkurve küssen und Schotterspezialisten mit dicken Reifen und Profilneurose ihr Rad die Hohe Acht hochschieben, wo Königinnen wie Nicole Markgraf auf stylische Asphaltamazonen und absolute Anfänger*innen treffen und alle ganz viel heiße Luft aufwirbeln – da will ich auch ein bisschen Legendenluft inhalieren.


Im Fegefeuer der Eifel
Das Wetter scheint ideal, die Vorhersage liegt bei maximal 25 Grad. Meine Renn-Strategie sieht einen negativen Split vor: die erste Runde locker zum Eingewöhnen, in der zweiten das Tempo anziehen und in der letzten Runde alle Kraftreserven mobilisieren. Nach jeder Runde 40 gr Kohlenhydratzufuhr per Gel. Soweit der Plan.
Gemütlich geht es los, schon allein deshalb, weil ich mich viel zu weit hinten im Block einsortiert habe und lange nicht aus diesem Pulk herauskomme. Ansonsten gilt: Abfahrten vorsichtig einbremsen, in den Steigungen nicht überpacen. Als nach gut einer Stunde die erste Runde im Kasten ist, schaltet der Geist einen Gang herauf. Aber schneller wird es nicht. Schon beim Einstieg von der Grand-Prix-Strecke in die Nordschleife wird klar, dass die Beine nicht mehr so frisch sind, wie sie der Theorie nach hätten sein sollen und auch eine lockere Runde mit ca. 560 Höhenmetern und Steigungen von bis zu 17 % ihren Tribut fordert. Meine Pacing-Strategie muss angepasst werden, ich bin gnädig mit mir und gewähre gleiche Zeit für alle Runden.
Im Anstieg zur Hohen Acht erzielt eine Wespe, die schon seit geraumer Zeit mich schmachtend anfliegt, einen Achtungserfolg und landet zwischen Sonnenbrille und Auge. Unachtsam schlage ich mit ihr die Brille drei Meter weit die Hohe Acht hinunter. Ich muss absteigen, ein paar Meter zurücklaufen, an den Rand wechseln und eine neue Lücke suchen, um wieder anzufahren. Zum Glück ist niemand drübergefahren, die Brille hat Sehstärke, aber es bringt mich aus dem Rhythmus. Auf der Döttinger Höhe erwische ich ein freundliches Hinterrad und kann wieder Zeit gutmachen. Trotzdem wird die zweite Runde, die sich so viel schneller anfühlte, deutlich langsamer. Ein Mysterium.
Ganz offensichtlich aber auch ein sträfliches Vernachlässigen der Hydration. Gesäumt von den grünen Wäldern der Eifel, ist die Strecke mitnichten schattig. Der Asphalt wird heiß, sehr heiß, in der dritten Runde glüht er. Wir fahren in einem Backofen aus Ober- und Unterhitze, nur ohne Umluft. Der Veranstalter schickt zusätzlich zu den Verpflegungsstationen einen Getränkewagen ins Rennen. Und ich habe immer noch beide Flaschen gut gefüllt, kein Wunder, dass die Beine streiken und die Muskeln dichtmachen. An der unteren Verpflegungsstation gönne ich mir eine Extraportion Isodrink, ebenso eine Vernunftpause mit Flüssigkeitszufuhr auf der Höhe. Viel zu spät: Von meiner Pacing-Strategie muss ich mich verabschieden und bin am Ende froh, die Ziellinie zu überqueren und nicht mit Muskelkrämpfen liegen geblieben zu sein. Im Ziel steuere ich sofort den Stand von Dextro Energy an und leere erst einmal drei Flaschen auf ex. Und hej – ich bin Finisher!


Am Sonntag geht es mit dem Rad weiter ins Wellnesshotel Schloss Burgbrohl und am Montag zum Kunstkucken nach Köln. „Wenn man erst einmal hier oben ist“, sage ich zu meiner Gastgeberin, „dann geht es ja praktisch nur noch bergab.“
Theoretisch – praktisch nicht!
Lernkurve
- „Grüne Hölle“ ist das Fegefeuer der Eifel und nicht etwa ein Dschungelcamp.
- Ein Geschwindigkeitsvorteil auf dieser Strecke ist nicht in erster Linie durch mehr Watt/Kg zu erzielen, sondern durch mehr Mut, Materialvertrauen und ein Ausreizen der physikalischen Gesetze.
- Ein drei Kilogramm leichteres ätherisches Rad wird der Kletter-Performance nicht abträglich sein.
Krasse Randnotiz
Puristen schätzen die Qualität des Formel-1-Asphaltes auf dem Nürburgring, dessen Unebenheiten angeblich jährlich beseitigt werden. Für die Sanierung des Streckenabschnitts Fuchsröhre im Jahr 2024 wurden beispielsweise 4.000 Tonnen Asphalt auf einer Länge von einem Kilometer verbaut!
P.S. Aber mal ehrlich: Bei so viel Tamtam habe ich eine durchgehend wirklich tadellose Fahrbahndecke erwartet und war ein bisschen enttäuscht …
