Trevor Paglen, NSA

Smart New World

Die Ausstellung Smart New World (05.04.-10.08.2014) in der Kunsthalle Düsseldorf versammelt aktuelle künstlerische Positionen zu den drängenden Fragen der Gegenwart: die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler reflektieren die kulturelle, gesellschaftliche und politische Dimension der Digitalisierung. Die Ausstellungsmacherinnen Elodie Evers und Magdalena Holzhey möchten dabei “Anregung, Irritation und Bewusstsein von Gegenwart” bieten – und das gelingt ihnen auch.

Authentizitätsverlust

Irritation bietet gleich zu Beginn das Einlassverfahren, das die International Necronautical Society (INS) für Smart New World entwickelt hat. Zutritt zur Ausstellung erhält nur, wer mit seiner Unterschrift die ausgelegten Geschäftsbedingungen der INS bestätigt. Und qua Signatur sein individuelles Sein negiert und Authentizität als Trugbild entlarvt. Die Kassiererin sammelt die Unterschriften in einer Box, selbst die Ausstellungsmacherinnen wissen nicht, was mit den Zetteln geschieht.

Der Kontext der Bilder

Dass die Suchalgorithmen von Google alles andere als objektiv sind, ist seit er 2009 eingeführten personalisierten Suche offenbar. Taryn Simon macht mit Image Atlas einmal mehr anschaulich, wie Suchergebnisse von ihrem kulturellen, politischen und sozialen Kontext abhängen. Das auch online unter www.imageatlas.org zugängliche Projekt zeigt simultan die Bild-Ergebnisse der populärsten Suchmaschinen verschiedener Länder an. Simon hat die Arbeit gemeinsam mit dem Internetaktivisten Aaron Swartz entwickelt.

Indirekt spielt Swartz auch in der Arbeit von Kenneth Goldsmith eine Rolle. Swartz lud 70 Gigabyte Daten vom Online-Zeitschriftenarchiv “JSTOR” herunter, ungefähr 4,8 Millionen Artikel. Eine unvorstellbare Menge. Goldsmith materialisiert die digitale Größenangabe, indem er 33 Gigabyte “JSTOR”-Artikel auf Papier ausdrucken lässt. 230.000 Seiten Papier, das sind – wie in der Ausstellung – 96 Stapel Papier von durchschnittlich etwa 20 Zentimetern Höhe. Internet zum Anfassen – Printing the Internet.

Sichtbare Repräsentationen einer unsichtbaren Macht

Ein Bild der Geheimdienste und ihrer Institutionen in der Öffentlichkeit existiert praktisch nicht. Trevor Paglen, Laura Poitras und Korpys/Löffler dokumentieren in Smart New World die physischen

Trevor Paglen, NSA
Trevor Paglen, National Security Agency, Ft. Meade, Maryland, 2013
Repräsentationen der US-amerikanischen Informationsdienste, den Bau des gigantischen Utah Data Centers des amerikanischen NSA bzw. den Bau des deutschen Bundesnachrichtendienstes in Berlin Mitte. Sie fragen nach dem Verhältnis von Staat und Bürger, nach der Visualisierung von Macht und dem Verhältnis von Macht und Geheimnis.

“Das Licht Gottes”

In Omer Fasts 5000 Feet is the Best erzählt der Protagonist, ein ehemaliger Drohnen-Pilot, über seine einstige Arbeit. Das so genannte “Licht Gottes”, der durch ein Nachtsichtgerät sichtbar gemachte Ziellaser einer Rakete, wird hierbei zum zynischen Symbol einer ästhetischen Wahrnehmung virtueller Kriegführung. Die optimale Angriffshöhe beträgt 5000 Fuß, in dieser Höhe sieht das Auge der Drohnenkamera alles, Schuhe, Haarfarbe und Kleidung, die Zielpersonen sind identifizierbar. Wie kann es sein, dass trotzdem unschuldige Zivilisten getötet werden? Das gespielte Interview beruht auf den Aussagen eines “Drone Operator” der US-Armee, der bei ausgeschalteter Kamera auch “Zwischenfälle” erwähnte. Omer Fast hat daraus einen bedrückenden Film gemacht, der in einer variierenden Endlosschleife die “Kollateralschäden” vermeintlich chirurgisch präziser Kriegführung fokussiert.
In Santiago Sierras Veterans of the Wars of Afghanistan, Iraq and Northern Ireland Facing the Corner fällt das Auge des Zuschauers gar mit dem Kameraauge einer Drohne zusammen. Sie durchstöbert die langen Fluren, die leeren Treppenhäusern und Räume eines maroden Gebäudes. Erst gegen Ende findet die Drohne/der Zusschauer ihre/seine vermeintlichen Zielobjekte: Soldaten, das Gesicht schamvoll zur Wand gerichtet. Was wäre, wenn der Zuschauer in diesem Moment einen Playstick zur Hand hätte?

Smart New World

Während Christoph Faulhaber in seinem sehenswerten Beitrag Jedes Bild ist ein leeres Bild Dokumentation und Fiktion, klassische Narration, Videoclip und virtuelle Realität miteinander verschränkt, gibt sich Tabor Robak ganz der verführerischen Welt digitaler Bilder hin. Der ausgebildete Grafikdesigner entwirft eine funkelnde Megacity, deren rauschhafter Sogwirkung man sich kaum entziehen kann.

Die Sprache der Bilder

Die Bilder verführen in ihrer perfekten Künstlichkeit, doch ihr Glücksversprechen wird niemals eingelöst. Sie spielen mit Realität und Fiktion, sie entlarven scheinbare Neutralität, sie begründen eine Vorstellung unsichtbarer und im Geheimen wirkender Institutionen. Sie schaffen einen unzusammenhängenden Bilderstrom aus dem Fundus des digitalen Bildarchivs, wie in der Arbeit Anhedonia von Aleksandra Domanovic, oder sie dokumentieren von Ferne die staatlichen Erhebungsstellen von Big Data. Sich ein Bild von etwas machen, bedeutet auch, von einer abstrakten Idee zu einer konkreten Vorstellung voranzuschreiten. Die Ausstellung Smart New World lehrt uns, den Verlockungen der digitalen Bilderflut gegenüber kritisch zu bleiben, wachsam die Grenzen von Virtualität und Realität zu unterscheiden und die politische Dimension der Digitalisierung – ja, der Bilder überhaupt – nicht zu unterschätzen.